Schloss Hartheim


Schloß Hartheim Österreich

http://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_Hartheim

15. August 2001
Das Gedenkstättenprojekt und der Verein Schloss Hartheim
Hartmut Reese

Schloss Hartheim wurde im Jahre 1898 in Form einer Schenkung dem Oberösterreichischen Landeswohltätigkeitsverein zu wohltätigen Zwecken von Camillo Fürst Starhemberg übereignet. In der Folge errichtet der Verein eine Pflegeanstalt für geistig und mehrfach behinderte Menschen. 1938 wurde das Schloss von den Nationalsozialisten enteignet und zur »Euthanasie«anstalt umgebaut, in der zwischen 1940 und 1944 etwa 30000 Menschen ermordet wurden, die von den Nationalsozialisten als »lebensunwert« klassifiziert worden waren. Es waren dies geistig und körperlich behinderte oder kranke Menschen und nach dem Ende der »offiziellen« »Euthanasie« im Sommer 1941 kranke oder als »lebensunwert« eingestufte Häftlinge aus den Konzentrationslagern von Mauthausen und Dachau sowie Zwangsarbeiter und andere für nicht mehr »lebenswert« erklärte Menschen.

Die Tötung der geistig und körperlich behinderten und anderer als »minderwertig« eingestufter Menschen war das Resultat rassistischer und sozialdarwinistischer Vorstellungen des Nationalsozialismus. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme in Deutschland 1933 wurde versucht, diesen »Sozialdarwinismus« in soziale Wirklichkeit umzusetzen. Für »unnütze Esser« oder »Ballastexistenzen«, wie geistig oder körperlich behinderte Menschen, sollte im nationalsozialistischen Deutschland kein Platz mehr sein. Da die mit dem Gesetz vom 14. 7. 1933 zur »Verhinderung erbkranken Nachwuchses« eingeführte Zwangssterilisierung sogenannter »Erbkranker« letztlich nur langfristig im Sinne der NS-Intentionen wirksam werden konnte, wurde mit Beginn des Krieges im September 1939 mit der Tötung von behinderten Menschen begonnen. Mit der »Ausmerze« der geistig und körperlich Behinderten sollte der »negativen Auslese« durch den Krieg, indem die Gesunden starben oder verstümmelt wurden, die Kranken aber überlebten, entgegen gewirkt werden. Die Nationalsozialisten begannen die »«Euthanasie«« oder »Gnadentod« genannte Vernichtung des »lebensunwerten Lebens« mit kranken Kindern, indem ab Sommer 1939 »missgebildete und idiotische Kinder« bis zum 3. (spätestens 17.) Lebensjahr in speziellen »Kinderfachabteilungen« ermordet wurden. Wenig später wurde aufgrund einer auf den 1. 9. 1939 zurückdatierten »Ermächtigung« Adolf Hitlers mit der »Euthanasie« der erwachsenen geistig und körperlich behinderten Menschen begonnen. Im Rahmen dieser von der Kanzlei des Führers organisierten Aktion, die nach der Adresse in Berlin, Tiergartenstraße 4 mit »T4« betitelt war, wurde ein großer Teil der Patienten aus den deutschen Heil- und Pflegeanstalten in sechs »Euthanasie«-Anstalten verbracht und dort mittels Giftgas ermordet. Hartheim war neben Brandenburg, Bernburg, Grafeneck, Hadamar und Sonnenstein eine dieser Anstalten. In Hartheim waren ähnlich wie in den anderen Anstalten nach 1939 die Installationen und Umbauten für den Betrieb als Mordstätte eingerichtet worden. Die »Euthanasie«aktion in Hartheim begann im Frühjahr 1940. Der von der »Gekrat« vorgenommene Transport erfolgte per Bahn bis Linz und anschließend in Autobussen, die in einen dafür eingerichteten Holzverschlag an der Nordseite des Schlosses einfuhren. Nach Entkleidung, Identitätsfeststellung, Registrierung von Goldzähnen und Fotografieren wurden auch in Hartheim die Opfer in der wahrscheinlich als Brausebad getarnten Gaskammer mittels Kohlenmonoxyd getötet. Nach der Entfernung der Goldzähne wurden die Leichen in einem Krematorium verbrannt, die Knochen in einer Knochenmühle zermahlen und die Asche in die Donau gestreut. Die Informierung der Angehörigen erfolgte ebenfalls wie in den anderen Anstalten mittels eines methodisch ausgeklügelten Systems vorgetäuschter Todesursachen wie falscher Sterbeorte.

Im August 1941 wurde die Aktion T4 auch in Hartheim gestoppt. Dennoch ging das Morden in Hartheim weiter. Im Rahmen der Aktion »14 f 13«, in der nicht mehr arbeitsfähige, kranke oder auch missliebige KZ-Häftlinge ermordet wurden, fanden ca. 8000 Häftlinge der Konzentrationslager Mauthausen und Dachau in Hartheim den Tod. Außerdem diente Hartheim als Tötungsanstalt für einige hundert als geisteskrank eingestufte, nicht mehr arbeitsfähige »Ostarbeiter«. Zeitweise wurde Schloss Hartheim auch zu einer Zentrale der Aktion T4, nachdem im Sommer 1943 kriegsbedingt T4-Dienststellen von Berlin nach Hartheim bzw. nach Weißenbach am Attersee verlegt worden waren. Die für die Morde in Hartheim verantwortlich zeichnenden Ärzte und Verwaltungsbeamten waren durchweg langjährige, überzeugte Nationalsozialisten. Direktor war der Linzer Psychiater Dr. Rudolf Lonauer, sein Stellvertreter Dr. Georg Renno aus Straßburg gebürtig. Für die Verwaltung waren u.a. Christian Wirth, Franz Stangl, Gustav Wagner und Franz Reichleitner zuständig, die später in Treblinka, Belzec und Sobibor sowie San Sabba, in einem Vorort von Triest gelegen, als KZ-Kommandanten eingesetzt waren. Viele Hartheimer wurden nach dem »offiziellen« »Euthanasie«-Stopp im August 1941 zur »Aktion Reinhard«, der Ermordung der Juden im Generalgouvernement abkommandiert. Als das Ende der nationalsozialistischen Herrschaft absehbar wurde, mussten zwanzig Mauthausener Häftlinge im Dezember 1944 und Januar 1945 im Auftrag der Kanzlei des Führers bzw. der Kommandantur des KZ Mauthausen die technischen Einrichtungen in Hartheim beseitigen und den alten baulichen Zustand wiederherstellen. Die 1938 vertriebenen Barmherzigen Schwestern durften zurückkehren und in einer Gauhilfsschule wieder behinderte Kinder betreuen. Nach der Befreiung durch US-Streitkräfte Anfang Mai 1945 fand Oberstlt. Ch. H. Dameron als Kommandant des »war crimes investigation teams No 6824« (Ermittlungseinheit für Kriegsverbrechen) im Rahmen seiner Recherchen im Juni 1945 in einem Aktenschrank die sogenannte »Hartheimer Statistik«, einen 39-seitigen Bericht über die Zahl der ermordeten behinderten Menschen im Rahmen der »Euthanasie«aktion bis zum August 1941, in der zudem noch minutiöse Angaben über die materiellen »Einsparungen« dieser Aktion enthalten sind. Angegeben sind 70273 »Desinfektionen«, also Tötungen, davon 18269 in Hartheim. Diese »Statistik« stellt bis heute die Grundlage für die Schätzungen der Mordzahlen der »offiziellen« »Euthanasie« zwischen dem Frühjahr 1940 und August 1941 dar; ihr Wert für die Forschung ist aber immer noch nicht ausreichend geprüft, zumal die im zugehörigen Bericht von Dameron aufgeführten Vernehmungsprotokolle und anderen Materialien wie Photos und weitere Dokumente bisher noch nicht aufgefunden wurden.

Die Nachkriegsprozesse gegen einzelne Angehörige der »Euthanasie«aktion in Hartheim endeten allein in Linz vor dem Volksgericht mit einem Todesurteil gegen den sogenannten »Heizer« Vincens Nohel; alle andern - soweit angeklagt - kamen ohne Strafen davon; Dr. Lonauer beging Selbstmord und Dr. Renno, der zweite Hartheimer Arzt, kam nach einem Prozess in Frankfurt wegen »Verhandlungsunfähigkeit« frei und starb vor einigen Jahren im weiteren unbehelligt in einem Altenheim in der Pfalz.

Die Nachkriegsgeschichte von Schloss Hartheim beginnt damit, dass das Schloss nach einer kurzen Phase der Belegung durch US-Streitkräfte zur Unterkunft für Flüchtlinge wird und 1954 die Betroffenen eines großen Donauhochwassers aufnehmen muss. Im Jahre 1965 errichtete der Oberösterreichische Landeswohltätigkeitsverein - eine private christlich-katholisch orientierte Stiftung vom Ende des 19. Jahrhunderts - wieder seine 1938/39 von den Nationalsozialisten geschlossene Einrichtung für die Pflege behinderter Menschen in Hartheim. Die damaligen Mitglieder dieses Vereines verstanden die Wiedererrichtung des Hauses 25 Jahre nach dem Ende der NS-Herrschaft in ihrer Mehrheit als Sühne für das, was sowohl den Bewohnern und Patienten der seinerzeitigen Anstalt Hartheim als auch allen anderen Opfern in Hartheim geschehen war. Die sich über einige Jahre erstreckende Diskussion, ob man die Arbeit im Schloss, also dem Ort der Morde an den behinderten und kranken Menschen, wieder aufnehmen könnte, war entschieden worden. Der Ort selbst sollte es nicht sein und neben den psychologischen wie ethischen Gründen sprach auch die Ökonomie dagegen. Die Errichtung eines neuen Hauses war ungleich günstiger als eine Adaption des alten Schlosses. Dennoch überwogen wohl in der Diskussion um den Ort die Argumente, dass dieser Ort des Mordens nicht der Ort der Arbeit mit behinderten Menschen sein könne. So wurde wenige hundert Meter vom Schloss entfernt ein neues Gebäude errichtet und bezogen, das heute eine der modernsten Einrichtungen dieser Art in Oberösterreich beherbergt. Auch als Wohnstätte, die Schloss Hartheim nach dem Krieg geworden war, wurde es zunehmend untragbar. Dennoch sollte dieser Zustand trotz wachsender kritischer Einwände vor allem von Angehörigen der Opfer noch bis 1999 andauern. Niemand schien in den Jahren bis 1965 Anstoß an der veränderten Funktion des Schlosses genommen zu haben. Die ehemaligen Räume der »Euthanasie« wurden von den Bewohnern als Abstellräume, Kohlenkeller u.ä. genutzt. Vier Jahre nach der Errichtung der jetzt »Institut Hartheim« genannten Einrichtung entschloss sich aber der Trägerverein, im Schloss den ehemaligen Aufnahmeraum und die Gaskammer zu Gedenkräumen umzuwidmen. Die Räume wurden von zwei österreichischen Künstlern gestaltet. Glasfenster und ein Altar mit Kreuz signalisierten eine christliche Form des Gedenkens. Im Laufe der Jahre errichteten vor allem Angehörige von Opfern aus den ehemaligen Konzentrationslagern Mauthausen und Dachau Gedenktafeln und besuchten die Gedenkräume regelmäßig. Das Gedenken an die Opfer der »Euthanasie« fiel vergleichsweise schwach aus. Nur einige wenige Tafeln erinnerten an die Hauptgruppe der Opfer in Hartheim.

Dass Schloss Hartheim ein Wohngebäude war, in dem nur wenig an seine Funktion als eine der wesentlichen Stätten der NS-»Euthanasie« erinnerte, hat aber einen Kreis von engagierten Menschen nicht ruhen lassen, und aus diesen Motiven heraus betrieben sie das Projekt, aus Schloss Hartheim einen seiner Geschichte angemessenen Ort zu machen. So wurde nach einigen Jahren Vorlaufzeit im Jahre 1995 vor allem auf Initiative von Persönlichkeiten aus dem Oberösterreichischen Landeswohltätigkeitsverein und dem Institut Hartheim mit Unterstützung von Persönlichkeiten des gesellschaftlichen wie politischen Lebens Oberösterreichs der Verein Schloss Hartheim gegründet.

»Den Anstoß bildete«, wie es in den Zielsetzungen des Vereines heißt, »die Vergangenheit des Schlosses, das im Nationalsozialismus zu einer Stätte der Vernichtung >lebensunwerten LebensEuthanasiewww.schloss-hartheim.at

Dr.Hartmut Reese erarbeitet im Projekt Hartheim die pädagogische und Bildungskonzeption und ist Geschäftsführer des Vereins Schloss Hartheim