Hugo Meier-Thur

Wuppertal-Elberfeld, Germany
gestorben: 
5. декабря 1943 KZ Fuhlsbüttel
Opfergruppe: 
Beruf: 
Graphiker



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Hugo Meier-Thur

 

Hugo Meier-Thur (* 26. Oktober 1881 in Elberfeld; † 5. Dezember 1943 im KZ Fuhlsbüttel, eigentlicher Name Arthur Hugo Meier)[1] war ein expressionistischer Graphiker und Maler. In der Zeit von 1910 bis 1943 lehrte er an der Kunstgewerbeschule Hamburg, die in der NS-Zeit in Hansische Hochschule für Bildende Künste umbenannt wurde. Nach Denunziationen wegen seiner Äußerungen gegen das NS-Regime wurde er 1943 nach einer niedergeschlagenen Anklage beim Volksgerichtshof in „Schutzhaft“ genommen und nach schwerer Folter von der Gestapo ermordet.

Inhaltsverzeichnis

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Leben [Bearbeiten]

Meier-Thur war ein Sohn des aus Bamberg stammenden Schneidermeisters August Meier und seiner Ehefrau, der Schneiderin Anna Barbara, geb. Eder. Er wuchs zusammen mit zwei Brüdern und einer Schwester auf. Im Anschluss an die Volksschule machte er bis 1899 eine Lehre als Feinmechaniker und Elektriker. Nach Stationen in Wetzlar und Nürnberg ließ er sich in Hamburg nieder, wo er seit 1906 mit Lina Charlotte, geb. Wagner verheiratet war und zwei Söhne und eine Tochter hatte.[1]

Hauptgebäude der Hochschule für bildende Künste

Von 1908 bis 1910 studierte er an der Kunstgewerbeschule am Lerchenfeld in Hamburg bei Carl Otto Czeschka. Nach Studienabschluss wurde er als Lehrkraft verpflichtet und unterrichtete Graphik und Typographie[2] mit den Schwerpunkten Schriftzeichnen, Perspektive, Zeichnen, Naturstudien und später auch Aquarellieren.[1]

Seit 1915 nahm er als Soldat am Ersten Weltkrieg teil und wurde im August 1918 im Rang eines Gefreiten von einem Artilleriegeschoss an beiden Füßen verwundet.[1] Anschließend hatte er Mühe, erneut an der Kunstgewerbeschule angestellt zu werden, konnte sich aber letztendlich trotz Vorbehalten seiner ehemaligen Lehrer durchsetzen.[3] Seit dem 3. Januar 1919 war er wieder an der Kunstgewerbeschule als Lehrkraft tätig, ab 1927 im Rang eines Professors. Er trat er dem Bund deutscher Gebrauchsgraphiker bei.[1] Ein Doktortitel, wie im Gedenkbuch Kola-Fu[4] und auf den Stolpersteinen[3] angegeben, wird durch Maike Bruhns' Künstlerlexikon Kunst in der Krise nicht bestätigt.

Trotz Anfeindungen und Beschwerden wegen seiner Lehrmethoden durch seine Kollegen Czeschka und Paul Helms (1884–1961) beim damaligen Direktor Richard Meyer und Anfeindungen seitens des Bundes deutscher Gebrauchsgraphiker, die er erst nach einer erfolgreichen Ausstellung Anfang der 1930er Jahre ausräumen konnte, verblieb er im Amt.[3]

NS-Zeit [Bearbeiten]

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden aufgrund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums missliebige Lehrer der Kunstgewerbeschule entlassen, darunter der jüdische Professor Friedrich Adler und Karl Schneider. Paul Helms, ein Verfechter naturalistischer Malerei,[5] wurde Rektor der Hochschule.[3]

Über Meier-Thurs Aktivitäten in der Zeit des Nationalsozialismus und seinen Tod liegen widersprüchliche Angaben vor. Meier-Thur verblieb im Amt und hatte anfangs eher unter Schikanen seiner Kollegen zu leiden. Der Konflikt betraf nach Maike Bruhns vor allem seine Unterrichtsmethoden und künstlerische Aspekte, da Meier-Thur als Vertreter der Moderne der vom NS-Regime geförderten „völkischen Kunst“ ablehnend gegenüber stand. Die Zahl seiner Schüler war rückläufig, da Helms und Czeschka nur die weniger begabten Schüler in die Unterrichtsklassen von Meier-Thur schickten und die begabtesten Schüler für sich reklamierten.[6]

Seit 1935 zeichnete sich ein Konflikt mit dem NS-Regime ab, als 15 Exemplare seiner 1922 entstandenen expressionistischen Illustrationen zu Welt-Wehe. Ein Schwarzweißspiel in Marmorätzungen zu einem Gedicht von August Stramm als „entartet“ aus der Erfurter Sammlung des Angermuseums entfernt wurden.[7] 1937 schließlich wurden weitere acht Exemplare von „Welt-Wehe“ aus der Hamburger Kunsthochschule beschlagnahmt und später vernichtet. Seine Graphikschränke wurden mehrfach in seiner Abwesenheit durchsucht, wobei Meier-Thur dahinter Aktivitäten der Gestapo vermutete.[6]

Nach Angaben des Gedenkbuchs Kola-Fu erhielt er ein Ausstellungs- und Publikationsverbot,[4] verblieb aber als Professor an der Hansischen Hochschule für Bildende Künste. Meier-Thur, der bereits in der Weimarer Republik ein Gegner des Nationalsozialismus war, aber keiner Partei angehört hatte, wurde trotzdem 1938 Mitglied der NSDAP, um seine Position als Professor nicht zu gefährden.[8]

Vor allem in der Zeit des Zweiten Weltkriegs fand er in Walter Funder einen Freund.[6] Dieser lehnte wie Meier-Thur das NS-Regime ab und hatte bereits in den 1920er Jahren in seiner Zeitschrift Der Zeitungshändler klare Positionen gegen den Nationalsozialismus bezogen. Beide versuchten, sich von den vorwiegend nationalsozialistischen Lehrkräften abzugrenzen und schrieben gemeinsame Aufsätze.[3] 1941 verfasste Funder anlässlich von Meier-Thurs 60. Geburtstag eine Festschrift, Hugo Meier-Thur zu seinem 60. Geburtstag am 26. Oktober 1941 / Herausgegeben von seinen Freunden, die er sowohl als Manuskript drucken ließ[9] und auch im Selbstverlag publizierte.[10] Neben NS-Gegnern gratulierten auch NS-Kulturfunktionäre wie Adolf Ziegler,[6] der 1937 maßgeblich an der Entfernung sogenannter entarteter Kunst in den Hamburger Museen beteiligt gewesen war. Im Februar 1943 dankte Meier-Thur seinem Freund mit einer Schrift zu Funders 50. Geburtstag, die er im Selbstverlag publizierte.

Nachdem Meier-Thurs Sohn Hans Hugo am 25. Juni 1941 in Litauen gefallen und seine Frau Lina im Dezember 1942 von einer Straßenbahn erfasst worden war und tödlich verunglückte, wurde er zur Gestapo zitiert, wo man ihm bedeutete, dass er mit seiner sofortigen Verhaftung rechnen müsse, falls er sich weiterhin gegen die nationalsozialistische Kunstauffassung äußere. Den Tod seiner Frau solle er als „fühlbaren Ordnungsruf verstehen“. Aus diesen Drohungen schloss er, dass ihr Tod kein Unfall war.[3]

Bei der Bombardierung der Kunsthochschule Ende Juli 1943 (Operation Gomorrha) wurde er verschüttet,[6] überlebte aber mit leichten Verletzungen und einem bleibenden Gehörschaden. In derselben Woche wurde seine Wohnung in der Wagnerstraße ausgebombt. Fast seine gesamten Werke und die Kunstsammlung, die er im Keller untergebracht hatte, verbrannten.[6] Daraufhin zog er, gemeinsam mit seiner Assistentin und Verlobten Malve Wilckens[11] und seinem ebenfalls ausgebombten Freund Funder, in die Wohnung von Funders Lebensgefährtin, der Archivarin Gerda Rosenbrook-Wempe in Klein Borstel.[6]

Gestapo-Haft und Tod [Bearbeiten]

Stolperstein vor Meier-Thurs letzter Wohnung in der Wagnerstraße

Stolperstein zur Erinnerung an Meier-Thur vor der Hochschule für bildende Künste Hamburg

Am 1. August 1943 äußerten sich Funder und Meier-Thur beim Besuch eines gemeinsamen Bekannten und Nachbarn, Alexander Freiherr von Seld, negativ über das NS-Regime. Dies hörte von Selds Sohn, der gerade Fronturlaub hatte. Als sie das Haus verließen, folgte er ihnen mit einem Gewehr. Malve Wilckens war Augenzeugin, als die Männer auf der Straße verhaftet und in einem Tempo-Wagen in das Gestapo-Quartier in der Johnsallee abtransportiert wurden, zunächst unter dem Verdacht, mit dem Fallschirm abgesprungene „englische Agenten“ zu sein.[3]

Anfang September wurden Meier-Thur und Funder dem Volksgerichtshof überstellt, wo sie ihre Partnerinnen, die ihnen nach Berlin gefolgt waren, wiedersehen konnten. Beide Häftlinge waren misshandelt worden und wirkten ausgehungert.[3] Meier-Thur fertigte während der Haft in Berlin-Moabit viele Zeichnungen an. Da er sich wegen seiner kunstphilosophischen Unterrichtsmethoden verantworten sollte, schrieb er eine Rechtfertigung „Vom Denken“, in der er sich mit philosophischen Argumenten von der NS-Ideologie distanzierte.[6] Während Funder eine Anklage erhielt, wurde Meier-Thur im Oktober 1943, ohne dass es zur Anklage kam, als „Schutzhäftling“ in das KZ Fuhlsbüttel verbracht wegen angeblichen Verstoßes gegen das „Heimtückegesetz“. Trotz eines Gutachtens des Hochschulrektors Paul Helms vom 9. November und mehreren Bürgschaften von Schülern der Kunsthochschule, die sich für ihn einsetzten, war er weiterhin der Gestapo ausgeliefert und wurde am 5. Dezember 1943 bei einem Verhör nach schwerer Folter ermordet.[8]

Nachdem der Leichnam den Angehörigen zur Bestattung übergeben worden war, konnten seine Künstlerkollegin Emma Gertrud Eckermann und Martin Irwahn, der die Totenmaske abnehmen wollte, Spuren schwerer Misshandlung und einen blau angelaufenen Kopf erkennen, was darauf hinwies, dass Meier-Thur nach der Folter erstickt worden war.[8] Wenige Tage später erhielt Malve Wilckens die Erlaubnis, seinen Nachlass mit Briefen, Dokumenten und Zeichnungen aus seiner Haftzeit in Moabit bei der Gestapo abzuholen.[3]

Ob Meier-Thurs Gegner an der Kunsthochschule Mitschuld an seiner Verhaftung und dem Tod hatten, ist nicht mehr nachzuvollziehen. Eine unbestreitbare Tatsache ist jedoch, dass fast alle in der Kunsthochschule verbliebenen Dokumente Meier-Thurs während seiner Haft in Moabit von den Lehrkräften verbrannt worden waren.[8]

Walter Funder, der zusammen mit Meier-Thur verhaftet worden war, wurde im März 1945 aus der Haft entlassen, war jedoch infolge der erlittenen Folterungen schwer gehbehindert und gesundheitlich ruiniert. Zusammen mit Malve Heisig setzte er sich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieg für Meier-Thurs Rehabilitierung ein. In einem Nachruf schrieb er:

„In der Entfaltung seines Kunstgefühls war Hugo Meier-Thur von einer imponierenden Furchtlosigkeit vor den zeitlichen Konsequenzen des Völkischimus und des Rassen-Professorismus der Naziperiode beseelt.“[12]

Meier-Thurs Grab befindet sich auf dem Friedhof Ohlsdorf.[13] Zu seinem Gedenken wurden sowohl vor seiner Wohnung in der Wagnerstr. 72 (heute Wagnerstraße 60) als auch vor der Hochschule für Bildende Künste am Lerchenfeld 2 Stolpersteine verlegt.

Werk [Bearbeiten]

Beschreibung [Bearbeiten]

Meier-Thurs künstlerischer Schwerpunkt waren Graphiken, die nach der Analyse von Maike Bruhns seit 1919 „expressiv, monumental“ und „urban“ gestaltet waren.[14] Die beiden „Zierbücher der Werkstatt Lerchenfeld“ aus den 1920er Jahren zeigten ihn in stilistischer Nähe zu Karl Schmidt-Rottluff als „expressiven Holzschneider […], der Schrift und Figuration vereint“.[14]

Seine Illustrationen zu August Stramms Gedicht „Welt-Wehe“, die in den Hamburger Handdrucken in 300 nummerierten Exemplaren erschienen und auch in der Zeitschrift Der Sturm publiziert wurden, waren „kunstvoll differenzierte, anspruchsvolle Marmorätzungen“,[14] die später im Nationalsozialismus als „entartet“ gebrandmarkt wurden. Noch 1930 schrieb Wilhelm Niemeyer in: Imprimatur I über die Hamburger Handdrucke und dieses Werk:

„Dieser graphischen Symbolik war Stramms expressionistische Dichtung, eine Rhapsodie geballt hinjagender und Geschehnisse sprühender Zeitwörter […] so merkwürdig verwandt, daß die Vereinigung beider phantastischen Schöpfungen, das Gedicht vom Künstler kalligraphisch geätzt, ein echtes Werk expressionistischen Geistes ergeben hat.[15]

In einer Lübecker Einzelausstellung im St.-Annen-Kloster 1930 zeigten Meier-Thurs Werke nach Meinung von Maike Bruhns „eine phantastisch albdruckhafte Atmosphäre“ mit stilistischen Ähnlichkeiten zu Alfred Kubin.[16]

Etwa ab 1930 wurden seine Graphiken statischer, und er begann daneben, Aquarelle zu malen. In Ermangelung eines eigenen Ateliers arbeitete er an der Wagnerstraße im Wohnzimmer der Familie. In der NS-Zeit malte er vor allem Porträts und Landschaften, die eine gedrückte Stimmung zum Ausdruck brachten, wie „Blaue Leidensbäume“. Ein erhaltenes Porträt von Silvia Wilckens, der Schwester seiner späteren Verlobten Malve Wilckens, aus dem Jahr 1941 zeigt eine „naturalistisch-neusachliche, detailfreudige Malweise bei durchgestalteter Bildfläche“.[17] Daneben zeichnete er politische Karikaturen, wie 1943 in der Haft in Moabit, wo er das Wachpersonal mit Tierköpfen darstellte.[16]

Einzelausstellungen [Bearbeiten]

Neben Gruppenausstellungen sind folgende Einzelausstellungen belegt:[16]

Erhaltene graphische Werke [Bearbeiten]

Außer verschiedenen Graphiken für Der Sturm, Kündung, Buchbund, Das Plakat und weitere Zeitschriften, sowie einigen Aquarellen und Zeichnungen, sind Exemplare folgender, von Meier-Thur gestalteten Bände erhalten:

  • Welt-Wehe. Ein Schwarzweisspiel in Marmorätzungen zu einem Gedicht von August Stramm. Verlag „Der Sturm“, Berlin 1922
  • Nal und Damajanti: eine indische Geschichte von Friedrich Rückert. Zierbuch der Werkstatt Lerchenfeld für den Buchbund Hamburg, Hamburg 1926[18]
  • Godescalci versus in laudem Trinitatis. Zierbuch der Werkstatt Lerchenfeld für den Buchbund Hamburg. Selbstverlag, Hamburg 1926
  • Spuk und Spiel: Ein Bilderbuch aus seltsamen Vorgängen, wunderlichen Gestalten, befremdlichen Orten und gespenstischen Dingen. Werkstatt Lerchenfeld, Hamburg 1928

Publikationen [Bearbeiten]

  • Zum 50. Geburtstage von Walther Funder am 2. Febr. 1943. Selbstverlag Hamburg 22, Wagnerstr. 72, 1943
  • Hugo Meier-Thur/Malve Heisig: Gegen den Ungeist des 20. Jahrhunderts: Texte aus den geretteten kunstphilosophischen Handschriften. Selbstverlag 1994, 134 Seiten (postum)

Literatur [Bearbeiten]

  • Maike Bruhns: Kunst in der Krise. Band 2. Künstlerlexikon Hamburg 1933–1945: verfemt, verfolgt – verschollen, vergessen. Dölling und Galitz, Hamburg 2001, ISBN 3-933374-95-2, S. 285−289
  • Herbert Dierks: Gedenkbuch Kola-Fu. Für die Opfer aus dem Konzentrationslager, Gestapogefängnis und KZ-Außenlager Fuhlsbüttel. KZ-Gedenkstätte Neuengamme, Hamburg 1987, S. 31–32 mit Abbildung einer Graphik aus dem Jahr 1928: Zigarrenraucher auf dem Balkon
  • Ernst Klee: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich: Wer war was vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-10-039326-5, S. 401–402.

Weblinks [Bearbeiten]

Einzelnachweise und Anmerkungen [Bearbeiten]

  1. a b c d e Maike Bruhns: Kunst in der Krise. Band 2, S. 285
  2. HFBK Pressemitteilung, Stolpersteine am Lerchenfeld gegen das Vergessen
  3. a b c d e f g h i Carmen Smiatacz: Dr. Hugo Meier-Thur *1881, Kurzbiographie bei Stolpersteine Hamburg.de, herausgegeben von der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg
  4. a b Herbert Dierks: Gedenkbuch Kola-Fu. Für die Opfer aus dem Konzentrationslager, Gestapogefängnis und KZ-Außenlager Fuhlsbüttel. KZ-Gedenkstätte Neuengamme, Hamburg 1987, S. 31
  5. Kurzbiographie
  6. a b c d e f g h Maike Bruhns: Kunst in der Krise. Band 2, S. 286
  7. 1937 Beschlagnahmeinventar Entartete Kunst der Freien Universität Berlin, Auflistung von 15 Exemplaren
  8. a b c d Maike Bruhns: Kunst in der Krise. Band 2, S. 287
  9. Nachweis in der DNB
  10. Nachweis in der DNB
  11. Malve Wilckens war zuvor die Verlobte von Meier-Thurs Sohn Hans gewesen.
  12. Zitat bei Herbert Dierks: Gedenkbuch Kola-Fu. Für die Opfer aus dem Konzentrationslager, Gestapogefängnis und KZ-Außenlager Fuhlsbüttel. KZ-Gedenkstätte Neuengamme, Hamburg 1987, S. 31
  13. Grabstätten prominenter Persönlichkeiten mit M
  14. a b c Zitat Maike Bruhns: Kunst in der Krise. Band 2, S. 287
  15. Zitat bei Ketterer Kunst, abgerufen am 7. September 2011
  16. a b c Maike Bruhns: Kunst in der Krise. Band 2, S. 288
  17. Zitat Maike Bruhns: Kunst in der Krise. Band 2, S. 288
  18. Hamburger Handdrucke der Werkstatt Lerchenfeld









Stolperstein vor Meier-Thurs letzter Wohnung in der Wagnerstraße





Stolperstein zur Erinnerung an Meier-Thur vor der Hochschule für bildende Künste Hamburg

Am 1. August 1943 äußerten sich Funder und Meier-Thur beim Besuch

eines gemeinsamen Bekannten und Nachbarn, Alexander Freiherr von Seld,

negativ über das NS-Regime. Dies hörte von Selds Sohn, der gerade Fronturlaub hatte. Als sie das Haus verließen, folgte er ihnen mit einem Gewehr.

Malve Wilckens war Augenzeugin, als die Männer auf der Straße verhaftet

und in einem Tempo-Wagen in das Gestapo-Quartier in der Johnsallee abtransportiert wurden,

zunächst unter dem Verdacht, mit dem Fallschirm abgesprungene „englische Agenten“ zu sein.[3]

Anfang September wurden Meier-Thur und Funder dem Volksgerichtshof überstellt, wo sie ihre Partnerinnen, die ihnen nach Berlin gefolgt

waren, wiedersehen konnten. Beide Häftlinge waren misshandelt worden und wirkten ausgehungert.[3] Meier-Thur fertigte während der Haft in Berlin-Moabit viele Zeichnungen an. Da er sich wegen seiner kunstphilosophischen

Unterrichtsmethoden verantworten sollte, schrieb er eine Rechtfertigung

„Vom Denken“, in der er sich mit philosophischen Argumenten von der

NS-Ideologie distanzierte.[6] Während Funder eine Anklage erhielt, wurde Meier-Thur im Oktober 1943, ohne dass es zur Anklage kam, als „Schutzhäftling“ in das KZ Fuhlsbüttel verbracht wegen angeblichen Verstoßes gegen das „Heimtückegesetz“. Trotz eines Gutachtens des Hochschulrektors Paul Helms vom 9. November

und mehreren Bürgschaften von Schülern der Kunsthochschule, die sich für ihn einsetzten, war er weiterhin der Gestapo ausgeliefert und wurde am

5. Dezember 1943 bei einem Verhör nach schwerer Folter ermordet.[8]

Nachdem der Leichnam den Angehörigen zur Bestattung übergeben worden

war, konnten seine Künstlerkollegin Emma Gertrud Eckermann und Martin

Irwahn, der die Totenmaske abnehmen wollte, Spuren schwerer Misshandlung und einen blau angelaufenen Kopf erkennen, was darauf hinwies, dass

Meier-Thur nach der Folter erstickt worden war.[8] Wenige Tage später erhielt Malve Wilckens die Erlaubnis, seinen Nachlass mit Briefen, Dokumenten und Zeichnungen aus seiner Haftzeit in

Moabit bei der Gestapo abzuholen.[3]

Ob Meier-Thurs Gegner an der Kunsthochschule Mitschuld an seiner Verhaftung und dem Tod hatten, ist nicht mehr nachzuvollziehen. Eine unbestreitbare Tatsache ist jedoch, dass fast alle in der

Kunsthochschule verbliebenen Dokumente Meier-Thurs während seiner Haft

in Moabit von den Lehrkräften verbrannt worden waren.[8]

Walter Funder, der zusammen mit Meier-Thur verhaftet worden war,

wurde im März 1945 aus der Haft entlassen, war jedoch infolge der

erlittenen Folterungen schwer gehbehindert und gesundheitlich ruiniert.

Zusammen mit Malve Heisig setzte er sich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieg für Meier-Thurs Rehabilitierung ein. In einem Nachruf schrieb er:

„In der Entfaltung seines Kunstgefühls war Hugo Meier-Thur von einer imponierenden Furchtlosigkeit vor den zeitlichen Konsequenzen des Völkischimus und des Rassen-Professorismus der Naziperiode beseelt.“[12]“

Meier-Thurs Grab befindet sich auf dem Friedhof Ohlsdorf.[13] Zu seinem Gedenken wurden sowohl vor seiner Wohnung in der Wagnerstr. 72 (heute Wagnerstraße 60) als auch vor der Hochschule für Bildende Künste am Lerchenfeld 2 Stolpersteine verlegt.

http://www.stolpersteine-hamburg.de/index.php?MAIN_ID=7&BIO_ID=2670

Dr. Hugo Meier-Thur * 1881

Lerchenfeld 2 (Kunsthochschule) (Hamburg-Nord, Uhlenhorst)

Gestapo-Haft
ermordet 05.12.1943
KZ Fuhlsbüttel

Weitere Stolpersteine in Lerchenfeld 2 (Kunsthochschule):
Prof. Friedrich Adler

Hugo Meier-Thur, geb. 26.10.1881, am 5.12.1943 im Konzentrationslager Fuhlsbüttel gestorben

Der Maler und Grafiker Hugo Meier-Thur lehrte als Professor an der heutigen Hochschule für Bildende Künste am Lerchenfeld 2, die während des Nationalsozialismus noch Hansische Hoch­schule für bildende Künste hieß. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges musste Hugo Meier-Thur um eine Anstellung an der Kunsthochschule kämpfen und litt unter finanzieller Not. Seine ehemaligen Lehrer brachten ihm Neid und Missgunst entgegen, da sie in ihm einen Kon­kurrenten an der Kunsthochschule sahen. Deswegen beklagten sie sich über seine Lehr­methoden beim damaligen Direktor Prof. Richard Meyer. Seine größten Konkurrenten waren Prof. Carl Otto Czeschka und Prof. Paul Helms. Doch noch konn­te Hugo Meier-Thur sich ge­gen die Anfeindungen wehren.

Durch eine erfolgreiche Ausstellung konnte Hugo Meier-Thur 1932 auch Anschuldigungen des damaligen Bundes deutscher Gebrauchsgrafiker entgegenwirken. Allerdings gab es nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten einige Per­so­nal­wech­sel und Paul Helms wurde neuer Direktor der Kunst­hoch­schule. Nun wurde es für Hugo Meier-Thur immer schwie­riger seiner Arbeit nachzugehen. Seine Zeichnungen und Grafiken galten als "entartet" und er verlor immer mehr Schüler. Eine Stütze fand er in seinem Kollegen Walter Funder, der sich be­reits seit Anfang der zwanziger Jahre in seiner Zeitung "Der Zeitungshändler" gegen die Natio­nal­­so­zi­a­listen aussprach.

Zu Hause bei Hugo Meier-Thur herrsch­­te eine gemütliche und freund­liche Atmo­sphä­re. Er leb­te mit seiner Frau Lina und den beiden Kin­dern Annemarie und Hans Hugo in einer Woh­nung in der Wagner­stra­ße 72. Hugo Meier-Thur besaß kein ei­genes Atelier, sondern zeichnete mit­ten in der Wo­nung, während um ihn herum das Familien­leben tobte. Annemarie heiratete in den dreißiger Jahren und zog von zu Hause aus. Sein Sohn Hans studierte Archi­tek­tur und arbeitete bei dem Archi­tekten Lan­gen­maack. Während dieser Zeit blieb er in der Woh­nung in der Wag­ner­­straße.

Hans Meier-Thur wurde im Frühjahr 1939 zum Pflichtarbeitsdienst einberufen und musste sich dafür zumindest räumlich von seiner Freundin Malve Wilckens trennen. Sie verließ daraufhin Hamburg und fand eine Anstellung in der Werkstatt von Eva Danielzig in Lasdehnen in Ostpreußen. Dort wurde 1940 auch die Verlobung von Hans und Malve gefeiert. Malve Wilckens kehrte im Sommer nach Hamburg zurück und zog zu Hugo und Lina Meier-Thur. Sie schildert Hugo Meier-Thur als einen fürsorglichen und rücksichtsvollen, gleichzeitig aber auch zurückhaltenden und scheuen Mann.

Eigentlich sollte die Hochzeit von Hans und Malve im Juni 1941 gefeiert werden, doch dann wurde der Heiratsurlaub für Hans, der sich zu diesem Zeitpunkt als Soldat an der Ostfront be­fand, gestrichen. Ende Juni 1941 erhielt Familie Meier-Thur die Nachricht, Hans sei am 25.Juni in Litauen an der Front gefallen. Nach diesem Schock kehrte Malve an die Hamburger Kunst­hochschule zurück und nahm eine Tätigkeit als Hugo Meier-Thurs Assistentin an.

Zwischen Walter Funder und Hugo Meier-Thur entwickelte sich im Laufe der Jahre eine enge Freundschaft, da beide das nationalsozialistische Regime ablehnten und sich von den überwiegend regimetreuen Lehrkräfte an der Kunsthochschule abzugrenzen suchten. Ge­mein­sam verfassten sie Aufsätze und Walter Funder veröffentlichte zu Hugo Meier-Thurs 60.Ge­burtstag eine Denkschrift.

Doch im Dezember 1942 ereilte die Familie Meier-Thur ein weiterer Schicksalsschlag. Lina starb Anfang Dezember auf dem Rückweg von einem Friseurbesuch, als sie von einer Stra­ßen­bahn erfasst wurde. Tags darauf wurde Hugo Meier-Thur zur Gestapo zitiert, wo ihm un­miss­verständlich klargemacht wurde, dass er mit einer sofortigen Verhaftung zu rechnen habe, wenn er weiterhin als Gegner der national­sozialistischen Kunstauffassung auftrete. Er solle Linas Tod als einen fühlbaren Ordnungsruf verstehen. Diese Drohung nährte in ihm den Ver­dacht, dass Linas Tod kein Unfall gewesen sei und sie vor die Straßenbahn gestoßen wur­de.

Bei der Bombardierung Hamburgs im Sommer 1943 wurde die Wohnung in der Wagner­straße 72 vollständig zerstört. Hugo Meier-Thur wurde verschüttet, überlebte aber leicht verletzt. Er trug lediglich eine Schwerhörigkeit davon. Allerdings war fast seine gesamte 30-jährige Kunstsammlung, sowie die Werke seines verstorbenen Sohnes, zerstört worden.

Da Hugo Meier-Thur und Malve Wilckens ausgebombt waren, zogen sie nach Klein Borstel in die Wohnung von Gerda Rosenbrook, der Lebensgefährtin von Walter Funder. Dieser zog ebenfalls dorthin, da auch seine Wohnung in der Bismarckstraße zerstört worden war.

Am 1. August 1943 nahm das Verhängnis seinen Lauf. Hugo Meier-Thur und Walter Funder be­suchten einen ehemaligen Freund und Nachbarn, Alexander Freiherr von Seld. Beide fühlten sich bei ihm sicher und Walter Funder sprach offen über seine ablehnende Haltung ge­gen­über den Nationalsozialisten. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Sohn von Herrn von Seld, Alexander jr., gerade Fronturlaub und war zu Hause. Er kannte die Freunde seines Vaters nicht und als Hugo Meier-Thur und Walter Funder das Haus verließen, folgte er beiden mit einem Gewehr bewaffnet, eine "Heldentat", für die er später Sonderurlaub bekam.

Auf der Straße war Geschrei zu hören, weswegen Gerda Rosenbrook Malve Wilckens nach drau­ßen schickte, um nach dem Rechten zu sehen. Als sie Hugo Meier-Thur und Walter Funder fand, saßen beide auf einem Tempo-Wagen mit erhobenen Armen und eine bewaffnete Meute verhöhnte sie als "englische Agenten", die über Klein Borstel abgesprungen seien. Der Wagen fuhr zur Gestapo. Malve Wilckens musste alleine zurückkehren und beide Frauen bemühten sich daraufhin herauszufinden, was mit den Männern geschehen sei. Hugo Meier-Thur und Walter Funder wurden ins Konzentrationslager Fuhlsbüttel gebracht, wo Gerda Rosenbrook und Malve Wilckens sie einmal im Monat besuchen durften.

Anfang September wurden beide Männer nach Berlin gebracht und vor dem Volks­ge­richts­hof angeklagt. Die Frauen folgten ihnen nach Berlin und nach fünf Wochen trafen alle vier wieder aufeinander. Hugo Meier-Thur und Walter Funder waren müde, erschöpft und ausgehungert. Während gegen Walter Funder Anklage erhoben wurde, schickte man Hugo Meier-Thur als "Schutzhäftling" zurück nach Hamburg in die Hände der dortigen Gestapo. Dies war für ihn das Todesurteil.

Malve Wilckens wurde telefonisch von dem Gestapobeamten Heyen über den Tod Hugo Meier-Thurs informiert. Eigentlich wollten sie und Hugo heiraten. In ihrer Verzweiflung rannte Malve zur Geschäftsstelle der Gestapo in der Dammtorstraße 25 und machte die im Raum anwesenden Beamten für den Tod Hugo Meier-Thurs verantwortlich.

Der Leichnam Hugo Meier-Thurs wurde den Angehörigen zur Bestattung übergeben und we­nige Tage später durfte Malve Wilckens seinen Nachlass von der Gestapo abholen. Inwieweit die ehemaligen Gegner an der Kunsthochschule am Tod Hugo Meier-Thurs beteiligt waren, lässt sich nicht nachweisen. Fest steht, dass die Kunsthochschule fast alle Do­ku­mente Hugo Meier-Thurs vernichten ließ.

Walter Funder wurde im März 1945 aus der Haft entlassen und überlebte das nationalsozialistische Regime. Allerdings hinterließ die Folter in der Haft ihre Spuren. Walter Funder war nach seiner Entlassung schwer gehbehindert, seine Gesundheit und seine Existenz waren für immer ruiniert.

© Carmen Smiatacz

 

 

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