Wilhelm Muth

Wuppertal-Elberfeld,
gestorben: 
25. Januar 1935 Von der Heydtsgasse
Opfergruppe: 

Wilhelm Muth wurde am 13. Oktober 1899 in Elberfeld geboren. 1917 wurde er zum Militär eingezogen und desertierte im August 1918. Danach engagierte er sich in der sozialistischen Jugendbewegung. Nach der Spaltung der Freien Sozialistischen Jugend schloss Muth sich zusammen mit seinem jüngeren Bruder Heinrich der anarchistischen Freien Jugend Morgenröte (FJM) an, deren Vorsitzender er Anfang der 1920er Jahre wurde. Ferner schloss er sich der anarchosyndikalistischen Freien Arbeiter Union Deutschlands (Syndikalisten) sowie der Gemeinschaft Proletarischer Freidenker (GPF) an. Neben „Spiel und Wanderung“, heißt es im Programm der FJM, sollte die Jugend mit den „Ideen des Syndikalismus und Anarchismus vertraut gemacht werden“. Die Mitglieder der FJM waren eine Art „Aussteiger“ der 1920er Jahre. Muth lebte mit anderen Mitgliedern der FJM in einer selbst gebauten Holzhütte auf einem unbesiedelten städtischen Gelände in der Nüll in Elberfeld. Nach Auflösung der FJM schlossen ihre Mitglieder sich meist der KPD an. Im November 1931 heiratete Muth die Kommunistin Cläre Riedesel. Die Eheleute entgingen der ersten Terrorwelle der SA, da sie kurz vor der Machtübergabe an Hitler umgezogen waren. Das Ehepaar organisierte an führender Stelle den Wiederaufbau der KPD in Wuppertal. Muth fungierte Ende 1934 als Bezirkskassierer. Die Verhaftungen vom 17. Januar 1935 Seit einigen Wochen hatten die Funktionäre der KPD beobachtet, dass „verdächtige Elemente [ihnen] auf Schritt und Tritt folgten. Wir kannten sie nicht, sie gehörten nicht zur Wuppertaler Polizei. Durch die Bezirksinstrukteure hatten wir erfahren, dass in (…) Remscheid größere Verhaftungen erfolgt waren, die ihre Fäden bis nach Düsseldorf und Solingen zogen. Wir wussten damals nicht, ob auch die illegale Organisation in Wuppertal bedroht war.“ Zur Vorsicht trafen sie Vorkehrungen. Sie sicherten ihre Wohnungen, säuberten sie von verdächtigen Materialien und schliefen einige Tage nicht zu Hause. Als bis zum 10. Januar 1935 keinerlei Verhaftungen erfolgten, glaubten sie, die Gefahr sei vorüber. Für Cläre Muth und ihren Mann war es nicht so einfach, illegal unterzutauchen: „Wir waren auf die Wohlfahrtsunterstützung angewiesen und mein Mann musste täglich seine Notstandsarbeiten leisten. (...) Nach der Saarabstimmung kamen wir noch einmal zusammen. Wir machten die Bezirksinstrukteure auf unsere Beobachtungen aufmerksam. Wir fühlten uns verfolgt und bedroht. Auf der Arbeitsstelle meines Mannes erschienen (…) zwei Männer und erkundigten sich nach der Stimmung der Arbeiter und fragten nach `Rädelsführern´. Der Polier, ein sympathisierender Gewerkschafter, warnte meinen Mann. Die beiden Männer hatten sich als Kriminalbeamte legitimiert.“ Am 17. Januar 1935 griff die Gestapo zu: Um 16:00 Uhr sollte ein Treff mit Willi Muth, Wilhelm Reeks und Otto Heyler stattfinden. Der Treff am 17. Januar wurde mit großer Wahrscheinlichkeit von dem langjährigen KPD-Aktivisten Walter Torner, der von der Wuppertaler Gestapo als V-Mann angeworben wurde, verraten. Die Verhaftungsoperationen leitete die Wuppertaler Gestapo mit Hilfe des SD in Düsseldorf. "Durch lang andauernde Überwachungen und Ermittlungen war es schließlich möglich, bei einem Treff, welcher der hiesigen Dienststelle bekannt geworden war, die 3 Hauptfunktionäre von Groß-Wuppertal gleichzeitig festzunehmen. es handelt sich um den Arbeiter Wilhelms Recks aus Solingen, dem Handlungsgehilfen Otto Heyler aus Elberfeld und den Tankwärter Wilhelm Muth aus Elberfeld. Das in der Exilpresse und in der Literatur genannte Berliner „Einsatzkommando Wecke“ war nicht in Wuppertal eingesetzt. Unterstützung erhielt die Gestapo-Außenstelle Wuppertal bei den Vernehmungen vom SD-Unterabschnitt Düsseldorf. Die Gestapo Wuppertal sah sich sogar gezwungen, die Berichte der ausländischen Zeitungen intern richtig zu stellen. Die Zeitungen hatten behauptet, dass nur mit Hilfe des Berliner Spezialkommandos Wecke die umfangreichen Verhaftungen und „Ermittlungen“ durchzuführen waren. "Die Erfolge waren nur durch die aufop­fernde Tätigkeit aller Beamten meiner Dienststelle möglich, wobei ich immer wieder die Feststellung machen muss, dass die Anzahl der Beamten für einen derartig großen Präsidialbezirk wie Wuppertal völlig unzureichend sind. Besonders die Bearbeitung der Sache Recks u. Gen.[ossen] mit den verbundenen vielen Festnahmen, stellte außeror­dentliche [sic] große Anforderungen an die Beamten der Dienststelle und die Angestellten in Wuppertal-Elberfeld", schrieb der Gestapobeamte Schepp am 10. Februar 1935. In ei­nem Schreiben vom 5. Februar 1936 an die Gestapo in Berlin stellte die Wuppertaler Außenstelle nicht ohne Stolz fest: "Es ist nicht zutreffend, dass eine besondere Abteilung des Geheimen Staatspolizeiamtes unter Leitung des "Oberhenkers Wecke" [sic] bei den Ermittlungen beteiligt war.(...) Bei den ersten Vernehmungen wirkten einige Angehörige des SD Oberabschnittes West mit. In den Kreisen der komm. [unistischen] Funktionäre hat sich der Irrtum herausgebildet, es habe sich hier um ein 'Berliner Kommando' gehandelt." Friedrich Rüddenklau beschrieb 1941 im Gestapoverhör die Ereignisse: „Für den 17. Januar 1935, 15 Uhr war zwischen Recks und dem Angeklagten ein Treff festgelegt worden. Als Recks hierzu nicht erschien, benachrichtigte Rüddenklau hiervon sofort den Stendebach auf einem für eine halbe Stunde später vereinbarten Treff, begab sich mit ihm zum Grünewalder Berg in Elberfeld und traf hier, wie verabredet, auf Klara Muth. Diese führte sie in eine in der Nähe gelegene, für eine Besprechung ausersehene Wohnung. Sie versuchte aber vergeblich, Reeks zu erreichen, obwohl sie wusste, dass dieser mit ihrem Manne an einer nahe gelegenen Stelle zusammen kommen wollte. (...) Inzwischen begaben sich Stendebach und der Angeklagte in den Wald der St. Anna Schule und trafen hier mit drei Funktionären der Ortsgruppe Elberfeld-Nord zusammen.“ Wilhelm Reeks und Willi Muth blieben vermisst, Heinrich Muth wurde in der elterlichen Wohnung gewarnt. Erst am folgenden Morgen wird Rüddenklau von Heinrich Muth in Kenntnis gesetzt, das Muth und Recks verhaftet sind und dass mit der Möglichkeit weiterer Festnahmen gerechnet werden müsse. Rüddenklau verließ sofort seine Wohnung, verständigte hiervon seine Frau auf ihrer Arbeitsstelle, begab sich zu Emmi Bengtsson und erzählte ihr und der zufällig anwesenden Ehefrau Elfriede Sander von den Verhaftungen. Elfriede Sander bot Rüddenklau Übernachtungsmöglichkeiten für die nächsten Tage an, tagsüber hielt er sich bei Bengtsons auf. Hier wurde er täglich von Heinrich Muth aufgesucht, der von weiteren Verhaftungen berichtete. Da bis zum 20.1. noch keine Polizisten in seiner Wohnung waren, ging er wieder zurück in seine Wohnung. Hier suchte ihn der Kassierer des Unterbezirks Paul Röcker auf. (…) Als am 23. Januar seine neunjährige Tochter aus der Schule die Nachricht brachte, dass die Ehefrau Röcker verhaftet worden und Röcker selbst angeblich geflüchtet sei, entfernte sich Rüddenklau aus der Wohnung und ließ seiner Frau bestellen, dass er vorerst nicht zurückkehren werde. Am Nachmittag benachrichtigte er Heinrich Muth von der Festnahme der Ehefrau Röcker und erfuhr dabei von noch weiteren Verhaftungen. Er begab sich sodann zu Fritz Benner und dieser nahm ihn bei sich auf. In den nächsten Tagen traf er sich mit Röcker und dem Leiter des Unterbezirks Barmen Ewald Seiler. Beide ersuchten ihn, ihnen bei ihrer beabsichtigten Flucht in die Niederlande behilflich zu sein. Von Röcker erhielt er hierbei 25 RM Beitragsgelder und versprach, wegen der Fluchtmöglichkeit mit Heinrich Muth zu sprechen.“ Auch Cläre Muth ging nicht mehr nach Hause. In der Stadt hörte sie schon die Sirenen der Polizeiwagen. Als klar wurde, dass die Gestapo ihren Mann verhaftet hatte, wurde sie von Freunden in einem Dachzimmer einer Schule untergebracht. Dort blieb sie 8 Tage lang allein und ohne Nachrichten. Ihre Erinnerungen kreisten immer wieder um die Verhafteten: „Es kamen furchtbare Tage und Nächte für mich, sie wurden mir zur Ewigkeit. (…) Ich zermarterte mir den Kopf und stellte mir vor, mit welchen Methoden die Gestapo die Vernehmungen durchführte.“ Willy Muth starb am 25. Januar 1935 um 4 Uhr. Die Gestapo stellte fest, Muth habe sich mit einem „Selbstbinder an einem Eisenring in der Zelle des Polizeigefängnisses erhängt.“ Cläre Muth erfuhr von dem Tod ihres Mannes erst im niederländischen Exil. Die Zeitungen in den Exilländern und die illegalen Flugblätter schrieben später, das Willy Muths Leiche „Brandwunden an Händen und Füßen aufwies, sein Gesicht entstellt und am Hals schwarze Striemen zu sehen waren.“ Ob er ermordet wurde, wie seine Genossen behaupteten oder sich selbst das Leben nahm, „um die laufenden Untersuchungen zu erschweren und die anderen Beteiligten zu schonen“, wie die Gestapo zynisch schrieb, wird sich nicht mehr klären lassen. Fest steht nur, das Muth barbarisch gefoltert wurde, und unabhängig davon, ob er durch diese Torturen starb oder selbst Hand an sich legte, um sie damit zu beenden, ist es eindeutig, dass die Gestapo verantwortlich für seinen Tod war.

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