Hermine Leib

geb. Kahn
Grevenmacher, Luxemburg
gestorben: 
5. Dezember 2022 verschollen
Opfergruppe: 
Beruf: 
Verkäuferin
Fremdsprachenkorrespondentin

Leib, Hermine

geborene Kahn
geboren am 28. April 1887 in Grevenmacher / - / Luxemburg
wohnhaft in Berlin und Hamburg

Deportationsziel:
ab Hamburg
25. Oktober 1941, Litzmannstadt (Lodz), Ghetto

http://www.astrid-louven.de/53269497fe1010c11/5331159abb0e38801/5331159d34126620a/index.html

Hermine Leib, geb. Kahn, geb. 28.4.1887, deportiert am 25.10.1941 nach Lodz

Stolperstein: Claudiusstieg 6 (Klopstockstr. 6)

Hermine Leib gehörte zu den wenigen Personen, die von ihrer Wandsbeker Adresse
aus deportiert wurden. Dabei war sie keine alteingesessene Einwohnerin,
sondern hielt sich nur für kurze Zeit in Wandsbek auf. Sie gehörte zur
kleinen Gruppe allein stehender Frauen, die sich ab Mitte der 1930er
Jahre von kleineren Städten aus der Provinz nach Hamburg aufgemacht
hatten. Einige mochten hier (entfernte) Verwandte gehabt haben, doch in
erster Linie suchten sie in der Großstadt neben einem größeren Schutz
vor antisemitischen Übergriffen auch bessere Existenzbedingungen, seien
es Berufsmöglichkeiten oder Unterstützungsleistungen durch die jüdische
Gemeinschaft.
Hermine Leib wurde am 28. April 1887 in Grevenmacher im
Großherzogtum Luxemburg als Tochter des gut situierten jüdischen
Viehhändlers und Grundbesitzers Isaak Kahn und seiner Ehefrau Julie,
geb. Loeb geboren. Ihre Großmutter mütterlicherseits besaß ein
Kolonialwarengeschäft. Die Familie stammte aus Deutschland, lebte jedoch
in Luxemburg. Hermine Kahn besuchte eine höhere Schule, verließ
Luxemburg und erlernte den Beruf der Modistin. Sie war jahrelang in
Barmen im Putzgeschäft Fleischhacker tätig, wo Hüte hergestellt und
verkauft wurden. Dort arbeitete sie als Modistin und Verkäuferin.
Sie blieb bis zu ihrer Heirat im Jahre 1912 berufstätig. Ihr Ehemann,
Gottfried Leib, besaß in (Wuppertal-)Barmen, Dickmannstr. 25, eine
Damenschneiderei. Zwischen 1912 und 1914 bekamen die Eheleute drei
Kinder: Irene (Jg.1912), Helmut (Jg.1914) und Günther (Jg.1919).
Gottfried Leib diente im Ersten Weltkrieg als Soldat. Seine Ehefrau
versuchte in dieser Zeit, das Geschäft allein weiterzuführen, konnte es
jedoch nicht halten. Nachdem sie 1921 Witwe geworden war – Gottfried
Leib war an den Folgen einer im Krieg erlittenen Verwundung verstorben
–, nahm sie ihre Tätigkeit im Putzgeschäft Fleischhacker wieder auf,
zunächst als Verkäuferin und später auch als Kassiererin. Zudem hatte
sie sich Büro-Qualifikationen angeeignet. Da sie über eine höhere
Schulbildung und perfekte Französischkenntnisse verfügte, wechselte sie
ihre Arbeitsstelle und nahm eine Tätigkeit als Fremdsprachenkorrespondentin bei der Firma Leonhard Tietz an. Diese Position übte sie jahrelang aus, bis sie sich Ende 1932 einer schweren
Operation unterziehen musste. Als sie wieder arbeitsfähig war, regierten
bereits die Nationalsozialisten. Hermine Leib konnte wegen ihrer
jüdischen Herkunft keinen adäquaten Arbeitsplatz mehr finden. So handelte sie als Selbständige mit Butter, Eiern und anderen Lebensmitteln, wobei sie fast ausnahmslos auf jüdische Kundschaft
angewiesen war, bis sie ihre Tätigkeit wegen fehlender Einnahmen
schließlich aufgeben musste 1935/36 wanderten die drei Kinder nach Palästina aus. Auch Hermine Leib wollte nicht mehr am alten Wohnort leben und wäre ihnen gern gefolgt. Doch erst einmal mussten sie in Palästina Fuß fassen, bevor sie ihre Mutter nachkommen lassen könnten.
Nachdem sich eine Rückkehr nach Luxemburg als nicht durchführbar erwiesen hatte, wandte Hermine Leib sich an einen Verwandten in Hamburg, der sich bereit erklärte, sie vorerst aufzunehmen. Nun galt es, ihre gut eingerichtete 4-Zimmer-Wohnung, Dickmannstr. 25, aufzulösen. Sie sah sich gezwungen, Hausrat und Mobiliar zu Schleuderpreisen zu verkaufen.
Die wertvolleren Teile konnte sie schließlich im Haus der Synagoge unterstellen und hoffte, sie später abholen zu können. (Das Mobilar ging infolge des Pogroms vom 9. November 1938 jedoch verloren.)
Ohne selbstständigen Haushalt zog sie mit nur wenigen Sachen zum persönlichen Gebrauch zu ihrem Verwandten Jakob Loeb in die Dillstr. 1 im Grindelviertel. Sie trat in die Deutsch-Israelitische Gemeinde ein und schloss sich am 18. Februar 1936 dem Kultusverband der konservativen
Neuen Dammtor Synagoge an. Ihr Einkommen war so gering, dass sie meistens keine Gemeindesteuer entrichten musste. Ab Mitte Mai 1941 erzielte sie lediglich Einnahmen in Höhe von 40 RM bei freier Station, wohl das Entgelt ihrer Arbeit im Altenheim.
Während der Hamburger Jahre stand sie über Rot-Kreuz-Briefe mit ihrer Tochter Irene in
reglementiertem Kontakt. Die kurzen Mitteilungen zeigen, dass sie in dieser Zeit ständig umziehen und sich immer wieder neue Beschäftigungen suchen musste: Im Juni 1936 nahm Hermine Leib eine Stelle als Hausangestellte in der Rabenstr. 15 an. Danach war sie bei Dr. Bukschnewski, Gröningerstr. 6 II. tätig. Vom 1. Juli 1939 bis September 1941 arbeitete sie in der Schäferkampsallee 29, dem jüdischen Alten- und Siechenheim, wo sie bis Mai 1941 auch wohnte. Von ihrer neuen Adresse Hochallee 123 bei Herz (seit 17. Mai 1941), konnte sie ihren
Arbeitsplatz zu Fuß erreichen. Das war unerlässlich, da Juden keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr benutzen durften. Ab 3. September 1941 war sie dann in Wandsbek gemeldet. Warum sie in das Haus Klopstockstr. 6 kam, ist nicht bekannt. Möglicherweise bestanden durch ihren inzwischen emigrierten und ausgebürgerten Verwandten Leopold Leib noch Verbindungen zur Wandsbeker Gemeinde. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass die jüdische Wohlfahrt Hermine Leib in die Klopstockstraße schickte, um die dort wohnhafte Familie Pohl zu unterstützen.
Insbesondere auf der unverheirateten Tochter Hedwig lasteten alle Pflichten wie Haushaltsführung, Betreuung und Versorgung der alten Eltern, dem gelähmten Geheimrat Prof. Dr. Julius Pohl und seiner bettlägerigen, pflegebedürftigen Ehefrau Hedwig (s. Kap. Pohl). Die Familie war zwar katholischer Konfession, fiel jedoch unter die NS-„Rassegesetze“, gehörte zwangsweise dem Jüdischen Religionsverband an und musste auch Gemeindesteuern entrichten. Die Tochter Hedwig Pohl war dringend auf Unterstützung angewiesen, die Hermine Leib nun leistete.
Doch sie konnte nicht lange bleiben. Nach etwa sieben Wochen erhielt sie den
Deportationsbefehl in der Klopstockstraße. Am 25. Oktober 1941 musste sie mit etwa 1000 anderen den Zug nach Lodz besteigen, der das Getto einen Tag später erreichte. Dort wurde sie am 27. Oktober registriert. Sie war jetzt 54 Jahre alt. Weitere Transporte in das Getto folgten, das
mit ca. 150.000 Bewohnern bald überbelegt war. Ab Januar 1942 wurden die Gettobewohner sukzessive in die Vernichtungslager Chelmno und Auschwitz (1944) weiterdeportiert. Wo und wie Hermine Leib den Tod fand, ist ungewiss. Sie wurde rückwirkend auf den 8. Mai 1945 für tot
erklärt.
Über die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem konnte ich Hermine Leibs jüngsten Sohn in Israel ausfindig machen. Kontakte zu dessen Tochter haben es ermöglicht, dass dieses Kapitel durch ein Foto von Hermine Leib illustriert werden kann.

Astrid Louven
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Hermine Leib (Privatbesitz)

Kommentare

Leib
Dickmannstraße 25

1 Stolperstein am 03.09.2009 für Frau Hermine Leib, geb. Kahn, geb. 28.04.1887. Deportiert im Alter von 54 Jahren am 25.10.1941 von Hamburg aus nach Lodz.

http://www.stolpersteine-wuppertal.de/cms/front_content.php?idcat=46&ida...

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